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Ich fühle, also bin ich.

 

Von dem französischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes, stammt die berühmte Aussage: "Ich denke, also bin ich." Doch beschreibt dieser Satz, trotz der kognitiven Höchstleistungen zu der menschliche Wesen im Stande sind, tatsächlich unsere Existenz am treffendsten? Oder unterlag Descartes einem Irrtum? Denn was wäre der Mensch, ohne seine Gefühle. Natürlich scheinen unsere Empfindungen in einer leistungs- und gewinnorientierten Gesellschaft keinen hohen Stellenwert zu genießen. Nichtsdestotrotz sehe ich darin den Motor unseres Strebens, Hoffens und all unserer Bemühungen.

 

Bereits die ersten Lebensformen zeigten Verhaltensweisen, die wir heute als 'Lustgewinnung' und 'Leidvermeidung' beschreiben würden. Es wurde uns sozusagen in die Wege gelegt, angenehme Erfahrungen anzusteuern und uns von unangenehmen zu entfernen. Dass wir hier von einem uralten Mechanismus sprechen, welcher evolutionär betrachtet bis heute ausschließlich unser Überleben sichern soll, macht ihn nicht weniger mächtig. Vereinfacht gesagt, steuern wir in der Regel wohltuende Empfindungen an.

 

Die Macht der Gefühle ist uns jedoch meistens nur dann bewusst, wenn sie uns zu überwältigen scheinen. Und dies natürlich nicht nur im positiven Sinne. Doch am Ende sind es genau diese inneren Erfahrungswelten, die uns als Menschen ausmachen und dabei helfen, unser Dasein zu definieren. Würden wir ohne unsere Gefühle überhaupt wissen wer wir sind, was wir wollen, oder auch nicht? Ich bezweifle es.

 

Wer kennt das Erleben nicht, aufgrund eines bestimmten Duftes an längst vergangene Reisen, oder eines Musikstückes an weit zurückliegende Ereignisse erinnert zu werden. Wir tauchen in stark emotional behaftete Bilder ein, die uns augenblicklich in eine freudvolle, oder auch traurige Stimmungen eintauchen lassen. Könnte ein Mensch je zwischen Recht und Unrecht unterscheiden, ohne ein Gefühl dafür, wie sich das eigene Handeln auf die Mitwelt auswirkt? Losgelöst von Empfindungen wären wir wohl nichts anderes als biologische Maschinen, die kalt und berechnend ihrer Wege gehen. Die Fähigkeit, mitfühlend und verständnisvoll auf unser Umfeld zu reagieren, hätten wir erst gar nicht entwickelt.

 

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sind es vor allem meine Gefühle, die sich in den Vordergrund meiner Wahrnehmung drängen. Und sie sind es auch, die meine Existenz und ihr Eingebettetsein in einem natürlichen Großen und Ganzen erst erfahrbar machen. Würde ich heute meinen letzten Atem aushauchen, wäre es eine vielfältige und farbenprächtige Bandbreite an Emotionen, die meinen Geist und meinen Körper erfüllten. Und nicht etwa eine Summe aus Gedanken, die ich in all den Jahren gedacht habe.

 

Ja, ich behaupte in der Tat, dass Descartes Satz in die Irre führt, indem er unser Denken an erste Stelle setzt. Und so sage ich: "Ich fühle, also bin ich."