· 

Influencer vs. Influenza

 

Ist es ein Zufall, dass die heutigen Influencer-Sternchen, welche seit Jahren ihr Unwesen auf YouTube und anderen Sozial-Media-Kanälen treiben, namentlich einer Infektionskrankheit gleichen? Ich sehe so manche Parallelen zwischen den selbsternannten 'Promis' und der höchst ansteckenden Influenza-Grippe. Denn beide breiten sich wellenförmig aus und infizieren rasch ihr gesamtes Umfeld. Wobei der immense Wirkungskreis der Influencer, jeglichen Virus vor Neid erblassen lässt.

 

Viele Influencer genießen nicht nur die Aufmerksamkeit einer handvoll Personen. Sie erfreuen sich vielmehr einer tausendfachen, wenn nicht millionenfachen Anhängerschar. Doch welche Werte oder tieferliegenden Ideale werden hier den zahlreichen Followern tagtäglich vermittelt? Ich sehe nicht mehr als schimmernde Scheinwelten, die all den Bildschirmkonsumenten da draußen ein Leben voller Schönheit, Perfektion und permanent anhaltenden Glücks versprechen. Selbst die ganz banale Nahrungsaufnahme wird hier als strahlendes Highlight und nicht etwa ein alltägliches menschliches Grundbedürfnis dargestellt.

 

Mit der Existenz eines Durchschnittsmenschen hat das immer ansehnliche, stets fröhliche und von wunderbaren Ereignissen geprägte Leben eines Influencers nicht wirklich viel gemein. Dies hält ihre Legionen an Bewunderern allerdings nicht davon ab, ihnen in jeglicher Hinsicht nachzueifern. Dass sich das Influencertum längst zu einem abenteuerlich überbezahlten Berufsstand entwickelt hat, ist ausschließlich den unzähligen getreuen Verehrern zu verdanken.

 

Ich stelle mir oft die Frage wie es dazu gekommen ist. Fehlt es den gegenwärtigen Generationen an interessanten und tatsächlich nachahmenswerten Vorbildern? Ist all dies möglicherweise lediglich Ausdruck, einer immer oberflächlicher werdenden Gesellschaft, die ihre Alltagshelden weggesperrt hat, um den zahlreichen Narzissten unter uns großflächig Gehör zu verschaffen? Die Antworten muss wohl jeder für sich selbst finden. Außer er ist bereits von diesem Virus befallen. In diesem Fall wird es äußerst schwierig, diese kulturellen Phänomene kritisch zu hinterfragen.

 

Vielleicht wurde ich auch aufgrund meines nicht mehr jugendlichen Alters von diesem Zeitgeist weitgehend verschont. Und ich kann nicht gerade behaupten, dass ich über diesen Umstand undankbar wäre. Ich bin in einer Kultur aufgewachsen, in der meine Gedanken, Erfahrungen und Ideen, noch nicht von Twitter, Instagram & Co durchzogen oder gar gesteuert wurden. Es war nicht immer leicht. Und alles andere als perfekt. Aber es war echt. Eine Echtheit, die ich bis heute der künstlich entstandenen Glitzerwelt vorziehe.

 

Letzten Endes ist es der zahlenmäßig überlegene, mittelmäßige Erdenbürger, der diesen Planeten bevölkert und sich den Höhen und Tiefen des Lebens stellt. Und ich würde dieses Leben, mit all den wunderbaren Menschen, welche mit ihrer ebensolchen einzigartigen Mittelmäßigkeit meinen Weg pflastern, keinesfalls für ein funkelndes Influencer-Dasein eintauschen.

 

Ich bevorzuge authentische Persönlichkeiten. Individuen die nur der normale Wahnsinn hervorzubringen vermag. Und sollte ich doch einmal Lust auf phantastische, unwirkliche Sphären verspüren, gehe ich ins Kino. Oder verschwinde mit einem guten Roman unter meiner Kuscheldecke.