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Teufel, komm raus!

 

Wer denkt Exorzismus, dass heißt die Austreibung böser Geister und Dämonen, gehöre einem düsteren, längst vergangenen Zeitalter an, der irrt gewaltig. Exorzismen gibt es wohl seit Menschengedenken und wurden bereits in vielen Religionen praktiziert. Bis heute. Ein wesentlicher Bestandteil zahlreicher spiritueller und religiöser Lehren ist der nie endend wollende Kampf zwischen guten und bösen Mächten. Und das Preisgeld ist nichts geringeres als die menschliche Seele.

 

Im Dschungel der Religionen und Glaubensausrichtungen existieren viele Bilder und Bezeichnungen für das Gute und Böse außerhalb der uns bekannten Welt. Ich beschränke mich jedoch auf unsere Kultur und die damit christlich geprägte Denkweise der westlichen Welt. So berichtet die Bibel von einem strahlenden Engel namens Lucifer, der es im Grunde genommen einfach satt hatte, nach Gottes herrschsüchtiger Pfeife zu tanzen. Aufgrund seiner Auflehnung gegen die Regeln und Dogmen des allmächtigen Herrschers, fiel der einst geliebte Engel in tiefe Ungnade. Und wurde in einem von Gott für Ungehorsame kreierten Ort ewiger Qualen verbannt. Dies war der Anfang der biblischen Hölle.

 

Lucifer folgten all diejenigen die es wagten, gegen Gottes Gebote zu verstoßen. Ein Sinnbild dafür, was mit den treuen Schäfchen der Kirche auch heute noch geschieht, sollten sie es wagen, diese Institution in Frage zu stellen. Damit war der Teufel geboren. Und sein einziges Streben scheint bis heute zu sein, unschuldige Menschen auf die dunkle Seite zu ziehen.

 

Im Jahr 1614, erschien unter Papst Paul den Fünften, das Buch Rituale Romanum. Neben den genauen Abläufen zu Hochzeiten und Taufen, enthält es auch detaillierte Anweisungen zur Durchführung eines Exorzismus. Zu den Merkmalen eines Besessenen gehören demnach das Sprechen unbekannter Sprachen, die Offenbarung geheimer Dinge, sowie die Entwicklung übermenschlicher Stärke. Das derartige Anzeichen eher auf wahnhafte Vorstellungen, psychische Störungen, oder aber auch neurologische Erkrankungen wie Epilepsie hindeuteten, wurde nicht berücksichtigt.

 

Dies hatte zur Folge, dass man im Laufe der Geschichte unzählige Gläubige mit Verdacht auf dämonischer Besessenheit exorziert hat, anstatt ihnen angemessene ärztliche und psychologische Hilfe zur Verfügung zu stellen. Der zuletzt in den Medien bekannte Fall von Exorzismus mit Todesfolge, wurde im bischöflichen Auftrag an der aus dem unterfränkischen Klingenberg stammenden 23-jährigen Anneliese Michel durchgeführt. Sie starb im Jahr 1976 an Unterernährung und Entkräftigung, nachdem an ihr 67-mal eine Teufelsaustreibung vollzogen wurde. Medizinische Behandlungen blieben der vermeintlich Besessenen verwehrt.

 

Die beiden praktizierenden Exorzisten sowie Anneliese Michels streng religiöse Eltern, wurden in einem anschließenden Gerichtsverfahren wegen fahrlässiger Tötung zu jeweils sechsmonatigen Bewährungsstrafen verurteilt. Ein viel zu geringer Preis für ein Leben, welches durch religiösen Irrglauben ausgelöscht wurde.

 

Unter dem Druck der Öffentlichkeit, entschied sich die deutsche Bischofskonferenz 1979 zur Einberufung einer Kommission, um eine Klärung grundsätzlicher Fragen zu Besessenheit und Exorzismus herbeizuführen. Die Ergebnisse der Zusammenkunft veranlasste die deutsche Bischofskonferenz 1984 zu einem Gesuch an den Vatikan, den schriftlich angeleiteten Exorzismus zu modernisieren. Eine Zusammenarbeit von Priestern, Psychologen und Medizinern - erschreckend nicht wahr! - sollte dabei Grundvoraussetzung sein. Die Neufassung des Exorzismus-Rituals erfolgte 1999.

 

Der Vatikan bietet Einführungen und Kurse in Exorzismus seit vielen Jahren an. In Österreich oder auch der Schweiz werden Exorzismen verharmlost als Befreiungsdienste angeboten. Die Nachfrage Hilfesuchender scheint immer mehr zuzunehmen. Doch warum? Weist uns der Zeiger der menschlichen Evolution in eine dunkle Vergangenheit zurück, die uns alten Aberglauben in einem neuen Kleid beschert?

 

Ich denke, dass bei Vielen die fortschreitende Aufklärung und die daraus resultierende Entzauberung der Welt, wieder die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen, nicht Erklärbaren entfacht. Zudem hat der Mensch einen angeborenen Hang zum Übernatürlichen. Die Kirche macht sich diesen Umstand heute noch zu Nutze, indem sie menschliches Leiden dämonisiert und den Betroffenen zugleich das entsprechende Heilmittel unter die Nase hält.

 

Es bleibt zu hofffen, dass uns das dunkle Zeitalter nicht irgendwann wieder einholen wird. Auch wenn gegenwärtige Weltereignisse eher ein düsteres Bild zeichnen. Weiterhin besteht große Notwendigkeit die Aufklärung voranzutreiben, sowie einen sinnstiftenden und von Irrationalität befreiten Gegenentwurf zu den veralteten und schädlichen Glaubensbildern zu gestalten.

 

Religion bietet meiner Ansicht nach selten befriedigende Antworten auf Fragen, welche unsere menschliche Existenz unweigerlich hervorbringt. Vor allem wenn sie sich bis heute auf die Ausrottung eines selbst erschaffenen Bösen konzentriert, das sie vor langer Zeit so bereitwillig auf die Menschheit losgelassen hat.